Anerkennung? Mangelware!

Werden Sie gern gelobt? „Klar, wer wird das nicht?“ denken Sie jetzt vermutlich. Recht haben Sie! Auch ich freue mich, wenn ich anerkennende Worte erhalte oder Seminarteilnehmer sich nach dem Workshop begeistert verabschieden. Vielleicht ist das der Grund, warum ich nur selten krank bin. Das wäre zumindest nach den Erkenntnissen des neuen „Fehlzeiten-Reports 2011“ (herausgegeben vom Wissenschaftlichen Institut der AOK) stimmig. Das Institut berichtet: Wenn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Anerkennung erfahren und gut informiert werden, weisen sie weniger gesundheitliche Beschwerden auf. Im Klartext: Chefs die loben, haben gesündere Mitarbeiter!

Anerkennung scheint nach Aussage der 28.223 befragten Angestellten (in 147 Unternehmen) allerdings Mangelware zu sein. Die Studie zeigt auf, dass die Angestellten sich öfter mal ein Lob für gute Arbeit wünschen:

  • 54,5 Prozent der Befragten nehmen Lob vom Vorgesetzten nur selten oder nie wahr.
  • 41,5 Prozent sagen aus, dass ihre Meinung bei wichtigen Entscheidungen nicht beachtet wird.
  • Aber: 35,5 Prozent sind überzeugt, dass die gesundheitliche Situation am Arbeitsplatz für die Mitarbeiter durch den Vorgesetzten verbessert werden kann.

„Doch viele Chefs verhalten sich nicht entsprechend. Selbst kleine Selbstverständlichkeiten, wie ein Lob bei guter Leistung, erhalten mehr als die Hälfte der Mitarbeiter nicht von ihrem Chef“, sagt Helmut Schröder,  Mitherausgeber des „Fehlzeiten-Reports 2011“.

Einerseits freue ich mich, dass es endlich einen belegten Zusammenhang zwischen Anerkennung, Fehlzeiten – und somit dem Unternehmenserfolg gibt. Andererseits: Benötigen wir wirklich solche Studien, um öfter einmal zu loben und anerkennend miteinander umzugehen?

Motivationsfalle: Taktisches Loben Solche Studien verleiten manch einen Chef dazu, aus taktischen Gründen zu loben. Ein Lob, das aus strategischen Gründen ausgesprochen wird, motiviert nicht nachhaltig.

Kamelle für alle! Vielleicht kennen Sie ja auch so einen Chef, dem plötzlich einfällt: „Ich muss meine Mitarbeiter mal wieder loben“ … und dann Lobfloskeln unter die Mannschaft bringt, wie Karnevalisten Kamelle verteilen. Im Meeting heißt es dann: „Die Mannschaft leistet hervorragende Arbeit, ich möchte da keinen Einzigen ausnehmen, der Tanker ist voll auf Kurs.“

Wirkt so ein Lob sich motivierend und positiv auf die Gesundheit aus? Wohl kaum! Die Gelobten wissen nicht, wie ihnen geschieht, sie ahnen nur, dass etwas nicht stimmt. Sie vermuten, dass der Vorgesetzte ein Motivationsseminar besucht (oder den Fehlzeiten-Report gelesen) hat.

Die Skepsis ist berechtigt: Meistens dauert es nicht lange, bis die gesamte Mannschaft wieder heruntergemacht wird, übrigens auch ohne einen einzigen Mitarbeiter auszunehmen.

Motivationsfalle: Loben aus nichtigem Anlass

Nicht viel besser ist das Lob aus nichtigem Anlass. Etwa: „Ach, Frau Werner, Sie kochen immer so einen guten Kaffee“, sagt der Chef zur Sekretärin, während er die anspruchsvolle PowerPoint-Präsentation unerwähnt lässt, die sie kurz davor angefertigt hat … Folge: Spätestens jetzt sollte sich Frau Werner überlegen, ob sie ihren Kaffee künftig nicht besser woanders kocht.

Motivationsfalle: Loben, um andere rügen Allerdings gibt es auch Mitarbeiter, die immer nur vor versammelter Mannschaft mit Lob überschüttet werden. Für große Leistungen, für kleine Leistungen, manchmal auch für ihre bloße Präsenz. Der Chef tut dem Mitarbeiter damit allerdings keinen gefallen und erzeugt beim Rest des Teams nur Neid. Viele Chefs missbrauchen die Taktik, einen Mitarbeiter zu loben, um alle anderen indirekt zu rügen. An so einem Lob hat niemand Freude!

Ebenfalls unbeliebt: Lob, das mit der Delegation von Arbeit verbunden wird. „Herr Schreiner, kümmern Sie sich doch um die Sonderaufgabe. Sie können das doch so gut …“ Die meisten Menschen sind so ausgehungert nach Anerkennung, dass diese Masche funktioniert. Anders kann ich es mir nicht erklären…

So machen Sie es richtig!

Beim Loben kommt es auf Aufrichtigkeit an. Und das heißt: Großes Lob für große Leistungen – und kleines Lob für kleine Leistungen!

So spenden Sie ernst gemeinte Anerkennung:

1. Tun Sie’s sofort! Für ein richtiges Lob ist es besonders wichtig ist, es sofort in der passenden Situation auszusprechen und nicht erst Tage später. Wenn Sie jemanden loben können, tun Sie es also sofort. Und: Da sich ein Lob immer auf die Handlung bezieht, sprechen Sie klar aus, was der andere gut gemacht hat. Entscheidend ist der direkte Bezug: Sagen Sie es konkret, gehen Sie ins Detail.

2. Blickkontakt aushalten Halten Sie dabei Blickkontakt. Wer lobt, sollte seinem Gegenüber in die Augen sehen und dann direkt ausdrücken, was der andere gut gemacht hat: „Frau Fries, ich habe gerade Ihre Projektunterlagen gesehen. Sie haben ausgezeichnete Arbeit geleistet. Ich bin sehr zufrieden damit, in welch kurzer Zeit Sie alle Fakten zusammengetragen und aufbereitet haben.“ Legen Sie danach eine kurze Pause ein, damit Ihr Gegenüber das Lob „verdauen“ kann, und schließen Sie es mit einem kurzen Händedruck ab: „Vielen Dank.“

3. Sagen Sie es unter vier Augen Nichts gegen Siegerehrungen und Preisverleihungen, doch damit das Lob aufrichtig ankommt, sollten Sie es auch einmal persönlich aussprechen. Sie müssen es nicht immer an die große Glocke hängen. Bitte vermeiden Sie jede Form von Übertreibung.

4. Formulieren Sie präzise

Je detaillierter Sie beschreiben, was Ihnen gefallen hat oder was Sie schätzen, desto besser. Präziser als „Die Präsentation war gut“ sind beschreibende Formulierungen. Sagen Sie zum Beispiel: „Prima, wie souverän Sie die Einwände des Kunden behandelt haben. Den haben Sie sichtlich überzeugt. Ich bin positiv überrascht, wie sicher Sie mittlerweile bei diesem Thema sind.“

5. Verzichten Sie auf das „aber“ In Kritikseminaren lernen Führungskräfte immer noch, die „Sandwich-Technik“ anzuwenden, damit die Mitarbeiter die unangenehme Kritik besser „schlucken“. Das Rezept ist einfach: Man nehme zwei Scheibchen Lob, bestreiche sie mit Kritik, klappe die Scheiben zusammen und serviere sie dem Mitarbeiter.

Manchmal habe ich den Eindruck, dass Führungskräfte das Lob nur noch missbrauchen, um ihre Kritik zu platzieren. Kein Wunder, dass Mitarbeiter skeptisch reagieren, sobald sie gelobt werden.

Machen Sie es besser! Loben Sie auch einmal ohne Kritik und ohne wenn und aber! Danke an Agnes Jarosch für diesen Artikel.

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